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Der England-Knigge – Kleiderordnung und Höflichkeit

Es ist Mai, die Saison hat begonnen, und ich sitze mal wieder in einer Jeans und Hemd, aber ohne Krawatte, vor der »Arrivals Hall« im Fährhafen von Dover und warte auf die Ankunft meines Reisebusses. Als »smart casual« würde der Engländer diesen »Look« bezeichnen. Eigentlich ist er nicht förmlich genug für die hiesige Berufswelt, die noch von Kostüm- bzw. Anzug- und Krawattenzwang regiert wird. Man ist die Uniform ja schon aus der Schulzeit gewohnt, das prägt fürs Leben. Dafür wird die Freizeitkleidung von FlipFlops, großen Ausschnitten der Damen und nackten, tätowierten Oberkörpern der Herren dominiert – unabhängig von der Witterung. Ich kleide mich absichtlich etwas legerer für den »Dienst«, sonst würden mich meine Gäste aus Deutschland, Österreich und der Schweiz noch mit dem Bordservice verwechseln oder zum Diktat bitten.

Nach der Begrüßung meiner Reiseteilnehmer nehme ich auf dem notorisch unbequemen Schleudersitz der Beifahrerseite Platz. In den Augen meiner englischen Landsleute bin ich damit zum Lenker dieses fast 14 Meter langen Luxusgefährts mutiert. Deshalb werden auch die Dankes- und Höflichkeitsbezeugungen, die man hier bei jeder passenden oder auch unpassenden Gelegenheit mit den Fahrern der Gegenspur austauscht, von mir erwartet: »thank you«, »thank you«, »thank you«, bedeuten mein Lächeln, Kopfnicken und das Heben von Finger oder Hand, mit denen ich fieberhaft unserem Ruf entgegenarbeite, wir Deutsche seien unhöfliche Zeitgenossen (aber noch lange nicht so pampig wie die Franzosen). Immerhin befinden wir uns hier zu Gast beim geduldigsten Volk der westlichen Welt, das nur selten die Kontenance verliert, gerne und gelassen Schlange steht und sich notorisch tolerant zeigt gegenüber den Widrigkeiten eines störanfälligen Alltags. Die Latte für gutes Benehmen hängt so übertrieben hoch, dass es eines ausgeprägten Willens zur Nettigkeit, sowie ungeheurer Ausdauer und Konzentration bedarf, den hiesigen Gepflogenheiten zu genügen. Ehrlich: »sorry« und »thank you« sagt man hier pausenlos. Es stimmt außerdem wirklich, dass sich auch derjenige, der eigentlich angerempelt oder auf den Fuß getreten wurde, entschuldigt – verstehe das, wer will! Vielleicht bittet er um Vergebung dafür, dass er sich bzw. seinen Fuß so ungünstig platziert hat. Vielleicht ist es auch einfach ein angeborener oder erlernter Reflex.

Drücken, Drehen, Ziehen – von Armaturen und anderen Widrigkeiten

Mir ist das Alltägliche längst vertraut. Alles, womit touristische Inselneulinge vertraut sind, ist die Opulenz stattlicher Herrenhäuser, die Farbenpracht der Gärten und der Anblick sonnendurchfluteter Steilküsten, wie wir sie auf den Spuren der Rosamunde Pilcher bald erleben werden. Wer rechnete schon ernsthaft damit, dass die nur 90-minütige Überfahrt 33 km von Calais bis Dover kulturelle Gräben aufreißen würde, in denen lebenslange Gewohnheiten verschütt gehen? Dabei warnte schon Sir Winston Churchill, der Ärmelkanal sei eigentlich »keine Wasserstraße, sondern eine Weltanschauung«. Recht hat der Mann! Besucher aus »Europe«, wie hier der Rest des Kontinents bedenkenlos genannt wird, als hätte man Europa sowohl geographisch als auch politisch bereits verlassen, bedürfen deshalb einer gewissen Gebrauchsanweisung.
Nehmen Sie doch nur mal die Steckdosen, die hier dreipolig und flach sind. Wer einen Adapter aus Deutschland mitgebracht hat (das Nachfragen an der Rezeption können Sie sich in der Regel schenken) und das seltene Glück hat, dass dieser vor Ort auch tatsächlich funktioniert, bekommt mitunter dennoch keinen Strom – nur, wer den Schalter an der Steckdose kennt, ihn betätigt und auf »on« kippt, hat Erfolg. Wer weiß, wie viele einwandfrei funktionierende Haartrockner und Lockenstäbe frustrierter Touristen hier schon in den Mülleimern gelandet sind. Nicht, dass man einen Haartrockner mitzubringen bräuchte. In der Regel gibt es einen Föhn auf jedem Zimmer, doch der findet meist in der Schublade sein Versteck, wo Sie bei der Gelegenheit auch gleich nach Ihrem zweiten Satz Handtücher suchen sollten.
Die mannigfachen Klagen über »kein Licht im Bad« sind oft ganz einfach zu beheben, indem Sie an der Strippe ziehen, die von der Decke baumelt. Was bei uns ohne gezielte Aufforderung niemand wagen würden, da diese Handbewegung meist Alarm auslöst. Als Klospülung dient mal ein Hebel oder Knopf, den man drücken, mal eine Kette, an der man ziehen muss. Türen lassen sich häufig mit einem Knauf öffnen, den man wahlweise nach rechts, mal auch nach links drehen sollte – ganz wie den Schlüssel, der oft durch Zuschließen aufschließt.
Von den Freuden des Duschens möchte ich eigentlich gar nicht erst anfangen. Das reicht von Drehen, Ziehen und Schrauben über Drücken, Anheben und Senken bis zu den beliebten Ansteckexemplaren, bei denen Sie eine Plastikvorrichtung vorfinden, die Sie selbst an die Hähne der Badewanne stöpseln müssen, wobei der Duschkopf Ihnen dann im besten Fall höchstens zur Hüfte reicht. Nein, ein Land der Normen ist England wirklich nicht! Jedenfalls nicht bei technisch-mechanischen Apparaturen ...

Geteiltes Bett ist halber Schlaf

Selten sind jedoch diese Herausforderungen an den Pioniergeist der Besucher der Grund, dass vor allem Ehepaare schon nach der ersten Nacht in englischen Gefilden von dunklen Augenrändern gezeichnet sind. Meist ist die Erklärung einfacher: die Betroffenen sind in einem »Double Room« gelandet. Der ist nämlich im Gegensatz zum »Twin Room« (meist nur auf Anfrage oder Vorbestellung) mit einem französischen Bett möbliert, in dem Sie auf einer einzigen Mattratze unter einer einzigen Bettdecke (selten kuschelige Daunen, häufig Laken und Wolldecke) liegen. Für Ungeübte hat das meist eine schlaflose Nacht zur Folge, weil der eine Partner permanent zu verhindern sucht, vom anderen Partner entweder in die Kuhle in der Mitte hineingezogen oder seitlich aus dem Bett hinauskatapultiert zu werden. Auch der Kampf um die eine Decke soll schon manch glückliche Ehe auf eine sehr harte Probe gestellt haben.
Doppelzimmer ist in England eben nicht gleich Doppelzimmer, und der »Double Room« ist die Norm! Das Fernsehen vertreibt Ihnen die schlaflose Zeit leider nur in der Landessprache, dafür können Sie sich im Zimmer kostenlos mit Tee und  Kaffee (löslichem) versorgen, so Sie denn auch mit Milch vorlieb nehmen. Kaffeesahne gibt es hier nicht.

Kulinarische Freuden und Leiden

Doch keine Sorge, das englische Frühstück hat noch jeden Reisenden wieder auf die Beine gestellt. Bestellen Sie aber lieber die »fried eggs«, Spiegeleier, wenn Sie auf Nummer sicher gehen wollen. Die »scrambled eggs«, Rühreier, werden oft aus Eipulver angerührt. Dazu gibt es leckeren Speck (»bacon«), Würstchen (»sausages«) mit dubios niedrigem Fleischgehalt, gebackene rote Bohnen in Tomatensoße (»baked beans«) und oft gegrillte Pilze und Tomaten. Toast bekommt man soviel man will, Croissants oder Brötchen sind als Zugeständnisse an den Kontinentalgeschmack meist limitiert. Neben der »Marmelade« (ausschließlich die Marmelade mit Orangen- oder Zitronengeschmack) und dem »Jam« (die restliche Konfitüre) finden Sie oft einen weiteren Brotaufstrich in kleinen, herzförmigen Plastikdöschen, der Nutella oder Pflaumenmuss ähnlich sieht.
Wer sich das Zeug dick aufs Toast streicht und herzhaft hineinbeisst, hat die Lacher auf seiner Seite. Ihr Gesicht wird sich verzerren und Ihrem Mund im Zweifelsfall auch ein Schrei entweichen. Es handelt sich um »Marmite«, eine Art streichbares Maggi. Dieser würzige Hefeextrakt wirbt selbst im Land seiner Erfinder (und Bewunderer) mit dem Spruch: »You love it or you hate it«. Urteilen Sie selbst!

»Look right« – die Risiken des Linksverkehrs

Inzwischen haben wir uns längst durch die ersten Kreisverkehre im Uhrzeigersinn gequält und befinden uns auf der A 20 in Richtung Autobahn, als wir den ersten Fahrradfahrer überholen, der gemütlich auf der linken Spur vor sich hinstrampelt. »Ist der denn lebensmüde?«, wundern sich meine Gäste entgeistert und wollen wissen, ob Fahrrad Fahren auf der Autobahn erlaubt sei.
Nein, ist es nicht, aber es handelt sich hier auch nicht um eine Autobahn, sondern um eine Schnellstraße. (Autobahnen tragen das Kürzel »M« für motorway, Landstraßen sind mit A oder B gekennzeichnet). Was in diesem Fall eine Formalie ist, denn auch auf der zweispurigen Schnellstraße donnern die Fahrzeuge mit 70 m/h (ca. 110 km/h) entlang – ganz wie auf der Autobahn. Nicht nur Fahrradfahrer hake ich sofort ein, sondern auch Touristen brauchen im hiesigen Verkehr einen Schutzengel. »Sie können sich bemühen, wie Sie wollen«, versuche ich meine Reisegruppe zu warnen, »aber Sie haben nicht die leiseste Chance, sich in den paar Tagen hier an den Linksverkehr zu gewöhnen«.
Das ist auch wirklich so. Aus dem lebenslang eintrainierten »erst links, dann rechts« wird eben nicht blitzschnell »erst rechts, dann links«. Ihr in vielen Jahren Praxis geschärfter Instinkt des Fußgängers muss hier jämmerlich versagen. Busurlauber sollten doppelte Vorsicht walten lassen, steigen sie doch zu allem Überfluss nicht auf dem sicheren Bürgersteig aus, sondern zur Straße hin: mitten hinein in den Verkehr. Wer einen Mietwagen fährt, hat dieses Problem zwar nicht, muss sich aber darauf einstellen, rechts zu sitzen und mit links zu schalten, nach links in den Rückspiegel zu blicken und auf der linken Seite einzuparken (obwohl in England Parken in beide Richtungen erlaubt ist). Sind Sie im eigenen Auto unterwegs, bekommen Sie spätestens auf den notorisch kurvenreichen Landstraßen gewisse Sichtprobleme, die das Überholen zu einem waghalsigen Manöver werden lassen. Von Staus mal abgesehen, lässt sich ansonsten aber nur Löbliches über den englischen Verkehr sagen: Es wird nicht gerast, sich anständig eingefädelt und wenig gehupt, selbst wenn man im Schneckentempo dahinkriecht, weil man sich verfahren hat. Ja, bestätigt mein Fahrer freudig, man könne in diesem Land wirklich richtig schön defensiv fahren.

Erfinderisch und kostenlos – so machen öffentliche Toiletten Spaß

Derart positiv gestimmt, erreichen wir die nächste Raststätte. England sammelt erst mal weitere Pluspunkte, denn zur Überraschung aller sind die öffentlichen WCs in der Regel sehr gepflegt und sauber – und obendrein gänzlich kostenlos (!). Die hiesigen Handwaschanlagen tragen jedoch zunächst zur Verwunderung, dann aber zur Unterhaltung bei. Es sind simple Stahlkästen, die außen über drei Knöpfe verfügen. Eine Hand halten Sie in den Stahlkasten hinein, mit der anderen drücken Sie den linken Knopf, wodurch Flüssigseife auf Ihre im Kasten verbliebene Hand geträufelt wird. Der mittlere Knopf setzt das Wasser in Gang, der rechte bringt das Gebläse zum Pusten. Drei Vorgänge in einem, wie praktisch. Jedenfalls allemal praktischer als die sonst landesüblichen, getrennten Wasserhähne. Da der Engländer Mischbatterien aus mysteriösem Grunde außerhalb seiner Dusche ablehnt, muss sich der Waschbeckennutzer unter dem einen Hahn verkühlen oder unter dem anderen verbrühen. Sinn macht das System nur für Nassrasierer.

Den Durst gelöscht – Real Ale und Pubkultur

Der Busfahrer hat inzwischen die Toilettenpause genutzt, um herrlich duftenden Filterkaffee und nach dem Reinheitsgebot gebrautes Bier auszuschenken (was einen weiteren Stopp in nächster Nähe zur Folge haben wird). Ich schlage vor, Land und Leute am Abend in einem Pub (Kneipe) näher kennen zu lernen, ein Muss für jeden Englandreisenden, das schnell zum Vergnügen wird. Pubs sind gemütlich, hier trifft man Jung und Alt aus allen Schichten, viele kommen direkt nach der Arbeit auf ein Gläschen vorbei – oder auch zwei. Spät werde es ja eh nicht, versichere ich den Wankelmütigen und Erschöpften, so dass wir noch zu einer humanen Zeit ins Bett kämen. Auch mir ist das schließlich sehr lieb. Drum bin ich ganz froh, dass die viele Pubs keine neue Lizenz beantragt haben, als vor einigen Jahren Jahr die Sperrstunde aufgehoben wurde.
Fast alle haben ihre alten Öffnungszeiten beibehalten. Nach wie vor gestattet deshalb der Besitzer um Viertel vor 11 noch eine »last order«, wo man ein letztes Mal an den Tresen kommen und etwas bestellen kann. Eine Viertelstunde später wird »drink up« befohlen, man soll austrinken. Eine weitere Viertelstunde später fliegt man raus. »Was trinkt man denn da am besten?«, möchte eine Dame mit rheinischem Akzent wissen, »ich mag nämlich kein Bier.« Schade, aber vielleicht wolle sie das englische Bier ja doch wenigstens mal probieren, versuche ich sie zu überzeugen, denn die Engländer seien sehr stolz auf ihr »real ale«, ihre landestypischen Biere. Die werden hier noch obergärig gebraut (wie bei uns Altbier oder Kölsch), enthalten weniger Kohlensäure und fermentieren ein zweites Mal im Fass, aus dem man sie dann auch ausschenkt, wodurch sie Zimmertemperatur und eine dunklere Farbe besitzen. Für alle ergänze ich noch, dass die unserem Pils am nächsten kommenden, untergärig gebrauten Biere hier »Lager« heißen und, ach ja, dass ein großes Bier (0,568 l) ein »pint«, ein kleines ein »half pint« sei. Außerdem werde es randvoll und ohne Krone ausgeschenkt. Dann liste ich pflichtschuldig die Alternativen auf: vom »Gin and Tonic« über Whiskey, Brandy und Cider (Apfelwein, der einem »Pint of Lager« zum Verwechseln ähnlich sieht!) bis hin zu Weinen, die sich seit geraumer Zeit hier im Lande großer Popularität erfreuen, aber recht teuer sind. Was es hier weder im Pub noch im Laden gäbe, schließe ich das Kapitel ab, sei Schnaps – den kenne der Engländer nur aus dem Skiurlaub.
»Ich war schon mal in einem Pub«, bemerkt daraufhin ein Herr mit Schnurrbart ablehnend, »aber die waren richtig deutschenfeindlich«. »Tatsächlich?«, hake ich nach, und er schildert mir, wie man ihn und seine Gattin völlig ignoriert und noch nicht einmal bedient habe, nachdem sie sich bemerkbar gemacht hätten. Das, kann ich ihn beruhigen, habe nicht an seiner Nationalität gelegen, sondern daran, dass es in Pubs generell keinen Service gäbe. »Wenn Sie in einen Pub gehen, sich ein freies Plätzchen suchen und dort freudig auf die Bedienung warten, warten Sie »bis zum Sanktnimmerleinstag« oder wie man es auf der Insel sagt: »Until the cows come home«. »Egal ob Deutscher, Franzose oder Engländer«, erkläre ich. »Es wird niemand kommen, um ihre Bestellung aufzunehmen. Sie müssen zur Theke gehen, dort Ihr Getränk bestellen, es bezahlen und dann (mit ruhiger Hand, da das Glas bis obenhin voll ist) selbst zum Tisch tragen.« »Ach so ist das«, erwidert der Herr mit Schnurrbart erleichtert. Am Abend trägt er kräftig dazu bei, dass die Barkeeper mit dem Zapfen kaum hinterherkommen – obwohl hier kein Bier auch nur annähernd acht Minuten braucht. Die Herren hinterm Tresen haben sich inzwischen strahlend an das Trinkgeld durch Aufrunden des geforderten Betrages gewöhnt (in England wird an der Bar kein Trinkgeld gegeben, und wenn man im Restaurant am Platz bedient wird, lässt man einen Teil des Wechselgeldes einfach auf dem Tisch zurück). Dafür sind sie auch bereit, ein bisschen Deutsch zu lernen: »Großes« und »Kleines« beherrschen Sie nun. Was mir einmal mehr beweist, dass das Pub vielleicht der einzige Ort in England ist, für den man am Ende doch keine Gebrauchsanweisung braucht.

Na dann: Cheers!

Juergen Andrews

 

Whisky

 

Whisky ist nicht gleich Whiskey. Das fängt schon bei der Schreibweise an: Während das hochprozentige Getränk in aller Welt mit »e« geschrieben wird, fehlt dieser Buchstabe bei den schottischen Varianten. Und warum?

 

Weil die chronisch geizigen Schotten an Buchstaben gespart haben, wird man vor Ort meist mit einem Augenzwinkern aufgeklärt. Sprachlich stammen Whisky und Whiskey aus dem gälischen Begriff »uisge beatha« (gesprochen »Uschka Baha«), was so viel bedeutet wie »Wasser des Lebens«. Der erste heute bekannte Hinweis auf dieses Getränk stammt aus dem Jahr 1494, als es in schottischen Steuerunterlagen urkundlich erwähnt wurde. Mit der zunehmenden Besiedlung Nordamerikas gelangte die Whiskyproduktion über den Atlantik. Dort stellten sich jedoch vor allem zwei Probleme: Gerste wuchs dort damals nur schlecht, zudem gab es in den besiedelten Gegenden keinen Torf. Man behalf sich also mit anderen Getreidesorten und damit, die Fässer auszukohlen, um den eigentlich durch den Torf entstehenden typischen Whiskygeschmack zu erlangen. Es gelang nicht, den Geschmack der schottischen Originale zu erreichen, weswegen amerikanische Whiskeys bis heute deutlich weniger charismatisch schmecken.

 

Generell gibt es durch die unterschiedlichen Herstellungsweisen mehrere Unterscheidungen beim Whiskey: Während man unter Single Malt überwiegend die nach schottischem Originalrezept hergestellten Sorten versteht, ist der Markt überschwemmt mit anderen Varianten wie Bourbon, Rye, Corn, Grain und vor allem Blend (siehe unten). In Fassstärke (Cask Strength) verfügen sie meist über rund 60 Volumenprozent Alkohol, in Flaschen abgefüllt üblicherweise über 40 bis 43 Volumenprozent.

 

Die Herstellung

 

Malt Whisky besteht aus Wasser, gemälzter Gerste und Hefe. Klingt einfach, ist aber in der Herstellung dennoch kompliziert und vor allem zeitaufwendig: Ein Whisky muss laut EU-Richtlinie mindestens drei Jahre in Holzfässern gelagert haben. Üblich sind bei schottischem Single Malt acht bis zwölf Jahre. Edle Sorten ruhen aber mitunter noch deutlich länger.  Für einen schottischen Whisky ist zudem bindend, dass er in Eichenholzfässern direkt in Schottland gelagert wird.

 

Die Produktion beginnt mit dem Mälzen der Gerste. Dabei wird das Getreide - zumindest in der traditionellen Herstellungsweise, die heute nur noch kleine Brennereien anwenden - in Wasser eingeweicht, bis es zu keimen beginnt. Anschließend verteilt man sie auf dem sogenannten Malzboden und lässt sie rund eine Woche keimen. Die Keimung stoppt, wenn man die Gerste dann über Torffeuer (ebenfalls traditionell und nicht mehr überall so anzufinden) trocknet.

 

Es folgt das sogenannte Maischen: Das nun trockene Malz wird zermahlen und in große Maischebottiche geschüttet. Dort wird es mit kochendem Wasser vermischt, was den Zuckeranteil freisetzt und eine »Würze« genannte Flüssigkeit entstehen lässt. Diese wird in Gärbottiche geleitet, auf etwa 70 Grad abgekühlt und mit Hefe vermengt. Dadurch entsteht nach gut zwei Tagen eine alkoholhaltige Flüssigkeit, meist um 7,5 Volumenprozent.

 

Nun kommt es zum eigentlichen Destillationsprozess: Die vergorene Würze wird in die traditionell aus Kupfer handgefertigten Brennblasen geleitet und dort meist zwei-, selten sogar dreimal destilliert. Das so entstehende Destillat ist noch farblos und kaum trinkbar. Es muss nun drei Jahre in Holzfässern gelagert werden, bevor es als Whisky bezeichnet werden darf. Dafür verwenden schottische Brennereien Eichenfässer, in denen zuvor entweder Portwein, Bourbon oder Sherry aufbewahrt worden war und die anschließend ausgebrannt wurden. Erst dies verleiht dem Whisky in der Lagerungsphase seine typische Farbe sowie eine gewisse Geschmacksnote.

 

Aber noch andere Faktoren führen zum typischen Geschmack schottischer Whiskys: der Torf beim Trocknen der Gerste etwa, das Quellwasser und auch die Luft der Umgebung. Da Whiskyfässer »atmen«, nehmen sie in der Zeit ihrer Lagerung (meist acht bis zwölf Jahre) Gerüche der jeweiligen Region an. Unter anderem dies führt dazu, dass ein Inselwhisky anders schmeckt als etwa einer aus dem schottischen Inland (siehe Kasten). Je länger ein Whisky in einem Fass lagert, desto mehr verändert er seinen Geschmack. Deswegen unterscheiden sich auch unterschiedliche Jahrgänge einer einzigen Brennerei im Geschmack teilweise erheblich. Pro Jahr verliert der Whisky durch die Lagerung bis zu einem Volumenprozent Alkohol. Die Schotten nennen diese Verdunstung den »Anteil der Engel« (Angel’s share).

 

Die Verkostung

 

Guter Whisky hat einige Jahre der Lagerung hinter sich und ist entsprechend teuer. Das führt dazu, dass sich eine etwas komplizierte Trinkkultur um dieses Getränk entwickelt hat. Diese beginnt mit dem richtigen Glas. Aus drittklassigen amerikanischen Spielfilmen kennt man die flachen breiten Gläser, aus denen sich der Hauptdarsteller an der Bar seinen Whiskey einverleibt. Schottischer Whisky sollte aber eher aus sogenannten Nosing Glasses getrunken werden, aus Gläsern, in denen sich das Aroma durch Schwenken besser entfalten kann. So lässt es sich vor dem Trinken auch gut riechen (deswegen der Begriff Nosing, von Nose, Nase). Diese Gläser gleichen einer Miniaturvariante der klassischen Biertulpen, sind unten bauchig und laufen oben flach zu.

 

Man gießt zunächst ein wenig Whisky ins Glas und wärmt dieses einen Augenblick mit der Hand. Dabei schwenkt man das Glas leicht, um das Bouquet anschließend besser mit der Nase aufnehmen zu können. Und man sollte sich davor hüten, einen Eiswürfel ins Glas zu werfen - stattdessen bestenfalls ein wenig Wasser (Quellwasser, keinesfalls kohlensäurehaltiges Mineralwasser!) dazugießen, wenn der Whisky pur zu stark erscheint. Dadurch können sich manche Sorten besser entfalten. Wer sich die Farbe ansieht, erlebt eine weitere Besonderheit: Viele Whiskys unterscheiden sich aufgrund der für sie verwendeten Fässer teils erheblich in Ton und Intensität. Ein Bourbonfass ergibt im Laufe der Jahre eine andere Farbe als etwa ein Sherryfass.

 

Schließlich nimmt man einen Schluck und lässt ihn ausgiebig über die Zunge fließen. Wer dies so praktiziert, wird feststellen, dass sich der Geschmack bei guten Whiskys erst nacheinander entfaltet. Manch eine Sorte schmeckt anfangs ganz anders als im Abgang.

 

Was auch immer man tut: Niemals sollte man einen echten schottischen Single Malt Whisky einfach die Kehle hinunterstürzen. Auf diese Weise bekäme man vom Geschmack nicht viel mit. Single Malt Whisky gilt als Genussmittel, nicht als stumpfe Möglichkeit, Alkohol aufzunehmen. Insofern sollte man ihn auch wirklich nur in Maßen zu sich nehmen, um das Geschmackserlebnis voll auskosten zu können. Von den gesundheitlichen Aspekten mal ganz abgesehen.

 

Unterschiedliche Whisk(e)y-Sorten

 

Malt: Wird ausschließlich aus gemälzter Gerste hergestellt. Ein Single Malt Whisky ist ein Whisky, der nicht verschnitten wird und aus einer einzigen Brennerei stammt. Vor allem in Schottland werden sogenannte (Pure) Single Malt Whiskys hergestellt.

 

Bourbon: Wird zu mindestens 51 Prozent aus Mais hergestellt, zusätzlich werden noch Roggen, Weizen und Gerste verwendet. Bourbon wird mit maximal 63 Volumenprozent Alkohol in neue Fässer abgefüllt, die zuvor ausgekohlt wurden. Wird er nicht mehr verschnitten, nennt er sich zusätzlich »Straight«.

 

Corn: Eine erweiterte Variante des Bourbon, der zu 100 Prozent aus Mais produziert wird. Das macht ihn außerordentlich mild, weswegen Corn weniger in den Verkauf kommt als vielmehr in die Herstellung von Blended Whiskey.

 

Rye: Wird zu mindestens 51 Prozent aus Roggen hergestellt, was ihn sehr würzig macht. Inzwischen gibt es nur noch sehr wenige Sorten.

 

Grain: Dahinter verbergen sich generell Whiskeys, die aus Mais, Weizen, ungemälzter Gerste oder Roggen hergestellt werden.

 

Blend: Verschnitt mehrerer Whisk(e)ysorten meist unterschiedlicher Brennereien - das können für eine einzige Flasche gut einige Dutzend sein.

 

Pure Pot Still: Ein Whisky, der ausschließlich aus gemälzter und ungemälzter Gerste destilliert wird, und noch dazu in den klassischen Brennblasen (Pot Still). Wird überwiegend in Irland hergestellt.

 

Vatted: Verschnitt von Malt-Whiskys unterschiedlicher Brennereien

 

Schottlands Whiskyregionen

 

Whisky ist ein Erzeugnis aus natürlichen Bestandteilen, das viel von seiner Umgebung im Geschmack aufnimmt. Die Qualität des Wassers spielt eine ebenso große Rolle wie der Ort der Lagerung und die Qualität des Getreides. Das führt zu großen Unterschieden im Geschmack. Deswegen unterscheidet man schottische Whiskys auch nach dem Ort der Produktion:

 

Highlands: Whiskys aus dem schottischen Hochland stammen aus dem Gebiet nördlich der Linie Glasgow-Aberdeen. Sie sind in der Regel sehr kräftig im Geschmack und meist leicht torfig.

 

Lowlands: Whiskys aus Brennereien südlich der Linie Glasgow-Aberdeen. Sie sind deutlich weicher im Geschmack.

 

Speyside: Das Gebiet Schottlands mit der höchsten Destilleriedichte. Insgesamt haben sich hier fast 50 Brennereien angesiedelt. Die Speyside befindet sich streng genommen in den Highlands, genauer in einem Gebiet entlang des Flusses Spey in den Grafschaften Banffshire und Morayshire - dem wichtigsten Getreideanbaugebiet Schottlands. Anders als die weiteren Highland-Whiskys sind die Erzeugnisse aus dieser Gegend jedoch ausgesprochen mild und weich. Diese Whiskys sind gut für Einsteiger geeignet.

 

Campbelltown: Einst das Zentrum der schottischen Whiskyherstellung hat Campbelltown auf der Halbinsel Mull of Kintyre heute an Bedeutung verloren. Von den einst 30 Brennereien existieren nur noch drei: Springbank, Glen Scotia und Glengyle. Die Seeluft verleiht diesen Whiskys eine besondere Note.

 

Islay: Die Insel Islay (gesprochen »Eila«) gehört zu den inneren Hebriden vor der Westküste Schottlands. Ein gutes halbes Dutzend Brennereien produziert hier heute noch Whisky - und zwar einen besonders komplexen und torfigen, der vor allem für Kenner jedes Mal aufs Neue ein Genuss ist. Der besondere Geschmack kommt unter anderem durch das raue Seeklima und eine besondere Torfart zustande. Weswegen Whiskys von Islay auch nicht pauschal zu den Island-Whiskys gezählt werden, sondern eine eigene Klassifizierung erfahren haben.

 

Island: Unter diesem Oberbegriff fasst man Whiskys von den Inseln Arran, Mull, Jura, Skye und Orkney zusammen. Auch sie sind kräftig, eher torfig und leicht salzig im Geschmack, haben aber sonst kein einheitliches Charakteristikum. Whiskys von Orkney ist neben der Seeluft ebenfalls eine spezielle Torfart anzumerken. Sie besteht vor allem aus Heidekraut, was dem Whisky einen fast honigartigen Geschmack verleiht.

 

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